Kniescheibe

Die knöcherne Kniescheibe (Patella) wird deshalb so genannt, weil sie wie eine flache Scheibe direkt vor dem Kniegelenk sitzt. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört es, die Kraft von der vorderen Oberschenkelmuskulatur über die Patellarsehne (Ligamentum patellae) auf den Unterschenkel zu übertragen. Beim Beugen und Strecken gleitet die Kniescheibe in einer rinnenförmigen Gleitbahn des Oberschenkelknochens (Trochlea) nach oben und unten. Wie andere Strukturen des Kniegelenks kann auch die Kniescheibe in ihrer Funktion gestört sein, sei es aufgrund einer anlagebedingten Anfälligkeit (Kniescheibeninstabilität bzw. Patellaluxation), sei es als Folge von degenerativen Veränderungen (Arthrose der Kniescheibe) oder einer (sportbedingten) Überlastung (vorderer Knieschmerz (Jumpers Knee).

Kniescheibeninstabilität/Kniescheibenverrenkung (Patellaluxation)

Bei der Kniescheibenverrenkung oder Patellaluxation „springt“ die Kniescheibe aus ihrer knöchernen Gleitbahn heraus. Ursache kann ein (Sport-)Unfall sein, z.B. eine Verdrehung des leicht gebeugten Knies (akute traumatische Patellaluxation). Ist die Kniescheibe einmal luxiert, besteht ein erhöhtes Risiko für weitere Verrenkungen. Ein Grund ist, dass bei der Luxation fast immer auch die innenseitigen Kniehaltebänder (ein-)reißen, allen voran das mediale patellofemorale Ligament, kurz MPFL, das die Kniescheibe mit dem Oberschenkelknochen auf der Innenseite verbindet und die Stabilität der Kniescheibe gewährleistet. Liegt eine habituelle oder rezidivierende Patellaluxation vor, springt die Kniescheibe immer wieder ohne nennenswertes äußeres (Unfall-)Ereignis heraus; oft tritt diese Form der Kniescheibenverrenkung bereits im Kinder- bzw. Jugendalter auf. In der Regel sind ungünstige anatomische Verhältnisse die Ursache, so etwa eine zu flach ausgeformte Gleitbahn (Trochleadysplasie), eine angeborene Deformität der Kniescheibe, eine Achsenfehlstellung des Beins (X-Bein) oder ein anlagebedingter zu lockerer Bandapparat. Aber auch wenn die Oberschenkelmuskulatur nicht kräftig genug ist und/oder eine Bindegewebsschwäche besteht, kann es sein, dass die Kniescheibe nicht ausreichend stabilisiert wird. Eine Kniescheibe, die immer wieder ihre Gleitbahn verlässt, kann großen Schaden anrichten. Zum einen wird so die Entstehung einer vorzeitigen Kniegelenksarthrose gefördert, zum anderen hat das ständige Herausspringen mit der Zeit eine Lockerung bis hin zu einem Ein- oder Abriss der gelenkstabilisierenden Haltebänder zur Folge, wodurch das gesamte Kniegelenk chronisch instabil werden kann.

Wie wird behandelt?

Eine genaue Untersuchung – auch mit bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomographie – ist wegweisend für eine angemessene Therapie. Denn welche Behandlungsmethode infrage kommt, hängt wesentlich von der Ursache der Patellaluxation ab. * Grundsätzlich gilt: Sofern eine herausgesprungene Kniescheibe nicht von selbst wieder zurückgeschnalzt ist, muss sie wieder eingerenkt werden. * Handelt es sich um eine unkomplizierte Patellaluxation ohne Begleitverletzungen (Knorpel-/Knochenschaden), setzen wir in vielen Fällen zunächst auf eine konservative Behandlung. Im Vordergrund steht neben der Verordnung einer Kniegelenksschiene eine Physiotherapie zur gezielten Kräftigung der umgebenden Muskulatur. * Ist eine chronische Instabilität der Kniescheibe die Ursache für eine wiederkehrende Patellaluxation, ist eine operative Korrektur notwendig. Eine bewährte Methode ist die Rekonstruktion des medialen patellofemoralen Ligaments, kurz MPFL, mithilfe einer körpereigenen Sehne. Meist verwenden wir die Gracilissehne, die von der Innenseite des Unterschenkels zum Oberschenkel hochzieht. Der Patient hat durch die Entfernung der Sehne von ihrer ursprünglichen Lage üblicherweise keine Nachteile. Im nächsten Schritt wird das Sehnentransplantat im Verlauf des ursprünglichen MPFL implantiert und an der Innenseite der Kniescheibe sowie an der inneren Oberschenkelrolle am Knochen fixiert. Der Eingriff wird arthroskopisch assistiert durchgeführt, d.h. dass nur die Transplantatentnahme offen erfolgt. Dadurch ist die minimal-invasive MPFL-Rekonstruktion wesentlich gelenkschonender als eine konventionelle Operation.Meist können die Patienten bereits nach 14 Tagen auf Gehstützen und nach sechs Wochen auf Orthesen (Kunststoffschiene) verzichten. Wichtig ist eine konsequente Physiotherapie zum Muskelaufbau. * Gegebenenfalls müssen die anatomischen Bedingungen, die für die wiederholten Patellaluxationen ursächlich verantwortlich sind, operativ korrigiert werden. Beispielsweise kann bei einer hochgradigen Trochleadysplasie eine Trochleaplastik angezeigt sein. Hierbei wird das Kniescheibengleitlager neugestaltet, sodass die Kniescheibe wieder eine funktionsfähige Laufrinne zum Gleiten erhält.

Vorderer Knieschmerz/Jumpers Knee

Das Patellaspitzensyndrom, Jumpers Knee oder auch Runners Knee ist die Folge einer Überlastung der Kniescheibensehne und führt zu Belastungsschmerzen vorne am Knie („vorderer Knieschmerz“). Betroffen sind vor allem Sportler, die eine Springsportart ausüben (z.B. Hand-, Basket- oder Volleyballer), oder die viel mit schnellen Richtungswechseln (z.B. Fußball) zu tun haben. Ausgangspunkt sind Mikrorisse und Auffaserungen im Gewebe der Kniescheibensehne (Patellasehne), das ist die Sehne, die am unteren Ende der Kniescheibe (Patella) sowie am Schienbein befestigt ist und den Oberschenkelstreckmuskel mit dem Unterschenkel verbindet. Betroffen ist der Bereich, wo die Sehne an der Kniescheibe ansetzt. Bei fortgesetzter (Über-)Beanspruchung sind entzündliche Veränderungen und größere (Teil-)Risse der Sehne möglich – im Extremfall kann sie sogar reißen. Sind die Beschwerden chronisch geworden, ist die Therapie meist schwierig und langwierig.

Wie wird behandelt

Das Patellaspitzensyndrom wird meist konservativ behandelt; ein operativer Eingriff ist in der Regel nur dann notwendig, wenn ein Patellasehnenriss vorliegt. Neben einer ausreichend langen Trainingspause, der Einnahme von entzündungshemmenden Medikamenten und dem Tragen von Kniebandagen bzw. -tapes haben sich vor allem eine Physiotherapie zur Stärkung der umgebenden Muskulatur sowie spezielle – unter fachlicher Anleitung erlernte – Dehnübungen bewährt; begleitend unterstützt die ACP-Therapie den Heilungsprozess.

Arthrose der Kniescheibe

Wie bei allen Gelenkstrukturen, die von einem Knorpel überzogen sind, so kann sich auch an der Kniescheibe eine Arthrose entwickeln; hiervon können auch schon jüngere Patienten betroffen sein. Diese als Retropatellararthrose bezeichnete Form des Knorpelverschleißes betrifft die Rückseite der Kniescheibe und ruft neben einem Knirschen vor allem bei Bewegungen wie Bergabgehen, Treppenabwärtslaufen oder Hinknien, Schmerzen hervor. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören anatomische Fehlstellungen der Kniescheiben im Gleitlager bzw. eine nicht oder nicht ausreichend behandelte (angeborene) Kniescheibeninstabilität. Ebenso können eine berufs- oder trainingsbedingte Dauerüberlastung, ein nicht vollständig ausgeheilter Kniescheibenbruch und andere vorangegangene (Knie-)Verletzungen eine Schädigung der Knorpelschicht hinter der Kniescheibe nach sich ziehen, die dann die Entstehung einer Arthrose zur Folge hat.

Wie wird behandelt

Die konservative Behandlung entspricht im Wesentlichen der Therapie einer Kniegelenksarthrose. Können die Beschwerden auf diese Weise nicht (mehr) zufriedenstellend gelindert werden, geben wir, wenn möglich, einem gelenkerhaltenden Eingriff den Vorzug. Beispielsweise bietet es sich je nach Befund an, den Schienbeinhöcker (Tuberositas tibiae) operativ zu verlagern, um so die Distanz die zwischen Kniescheibe und Oberschenkel zu vergrößern. Dadurch lässt sich die Druckbelastung auf die Kniescheibe nachhaltig reduzieren, was zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden führt. Eine andere Möglichkeit, die Druckverhältnisse unter der Kniescheibe so zu verändern, dass sich die Druckbelastung verringert - und damit ein weiterer Knorpelabrieb verhindert wird, ist eine operative Erweiterung der Gelenkkapsel (Lateral Patella Release).  Auch sie erfolgt minimal-invasiv unter arthroskopischer Kontrolle. Wir führen den Eingriff von der Seite (lateral) durch, auf diese Weise wird vermieden, dass sich eine Instabilität der Kniescheibe entwickelt. Ist der Knorpelverschleiß bereits stark fortgeschritten, können die Schmerzen oft nur noch mithilfe einer endoprothetischen Versorgung zufriedenstellend behoben werden. Meist genügt es, nur die Strukturen durch spezielle Implantate zu ersetzen, die geschädigt sind. Dazu gehören z.B. eine Miniprothese oder einer Schlittenendoprothese. Bei der patellofemoralen Prothese handelt es sich um einen Teilgelenkersatz, bei dem die arthrotisch veränderten Oberflächen des Oberschenkelknochens und der Kniescheibe entfernt und durch spezielle Komponenten ersetzt werden.

Mehr zum Thema:

Das MVZ im Helios hat eine Broschüre zum Fachbereich „Knie & Hüfte“ veröffentlicht. Nachfolgend können Sie diese als PDF herunterladen.

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2.3 Knie | Hüfte